„Ein unmilitärischer Haufen“ von „Amateursoldaten“ – Die Erinnerungen des Luftwaffenadjutanten Hitlers Nicolaus von Below an das Reichsluftfahrtministerium

Oberst Nicolaus von Below war von 1937 bis 1945 der persönliche Luftwaffenadjutant Adolf Hitlers. Der zum Zeitpunkt seiner Einstellung 29-Jährige blieb bis zum 29. April 1945 an dessen Seite. In den darauffolgenden drei Jahren Kriegsgefangenschaft fing er an, seine Erlebnisse aus seiner Zeit als Adjutant niederzuschreiben. Auf Grundlage dieser Notizen veröffentlichte er 1980, drei Jahre vor seinem Tod, seine Erinnerungen. Der allgemeine Erkenntnisgewinn bleibt zwar begrenzt, denn wesentlich Neues zu den damaligen Ereignissen erfährt der Leser nicht, doch geben seine Aufzeichnungen Aufschluss über die persönlichen Beziehungen sowie die Rüstungs- und Personalfragen innerhalb der Luftwaffe und des Reichsluftfahrtministeriums.

Es sei vorangestellt, dass die Erinnerungen von Belows zwar nur bedingt dem unter Memoiren ehemaliger NS-Protagonisten weit verbreiteten apologetischen Narrativ folgen, aber dennoch mit Vorsicht zu betrachten sind. Meist nüchtern kommentierte er aus unmittelbarer Nähe zur Schaltzentrale des Reiches die Ereignisse innerhalb des NS-Staats und des Kriegsverlaufs. Seine Bewunderung für Hitler blieb bis zum Ende hinweg erkennbar. Regelmäßig sah er sich dazu veranlasst, Hitlers Handeln zu rechtfertigen. Dennoch nahm von Below die mehr als 30-jährige Distanz zwischen seiner Zeit als Adjutant und der Veröffentlichung nicht zum Anlass, klare Stellung etwa zum Antisemitismus, den Massenerschießungen an der Ostfront oder der Wannseekonferenz zu beziehen. Sie bleiben in seinem Buch belanglose Randereignisse. Wenn von Below Stellung bezog und urteilte, dann, wenn die US-Amerikaner Monte Cassino der „reinen Barbarei“ wegen zerstörten, deutsche Städte im „Luftterror“ der Alliierten untergingen, oder, wenn die Flüchtlingsströme aus den deutschen Ostgebieten „Unsagbares“ erleiden mussten. Schlichtweg falsch ist von Belows Schilderung der Eskalation mit Polen und dem darauffolgenden Beginn des Zweiten Weltkriegs, in der er Polen als Hauptschuldigen und Provokateur inszeniert.

Nicolaus von Below (ganz links) bei der Verleihung des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse durch Adolf Hitler an Hanna Reitsch in Anwesenheit von Hermann Göring (Mitte) | Bundesarchiv, B 145 Bild-F051625-0295 / CC-BY-SA 3.0

Neben Hitler stehen insbesondere Reichsluftfahrtminister Hermann Göring und damit die Luftwaffe im Vordergrund seiner Erinnerungen. Von Below zeichnete kein sonderlich positives Bild des Reichsluftfahrtministers. Er attestierte Göring zwar „ein Gespür für charakterliche Eignung und deren Bedeutung bei der Besetzung von hohen Posten“, aber eben auch, dass er „notwendige fachliche Qualifikationen“ unterschätzte. Dies zeigte sich bei der Besetzung dreier Chefposten im RLM. Mit den Berufungen 1936 und 1937 von Hans-Jürgen Stumpff, Ernst Udet und Robert Ritter von Greim für den Generalstab, das Technische Amt und das Luftwaffenpersonalamt seien, so der Adjutant, drei Offiziere von „untadeligem Charakter und vorbildlichen menschlichen Eigenschaften ausgesucht worden“. Doch für die Aufgaben, die sie übernehmen sollten, brächten sie „fachlich keinerlei Vorbildung und Erfahrung“ mit. Zudem bestünden zwischen Stumpffs Vorgänger Albert Kesselring und dem Staatssekretär des RLM, Erhard Milch persönliche wie sachliche Differenzen. Mit Stumpff könne Milch zwar „besser umgehen“, geeigneter sei er jedoch aus Sicht von Belows nicht gewesen. Udet sei zwar ein „liebenswerter und passionierter“ Flieger, aber den „großen Aufgaben nicht gewachsen“.

Von Below veranschaulichte seine Einschätzung anhand der Luftfahrtausstellung 1938 in Paris. Nachdem dort die neuen englischen Jagdmaschinen „Supermarine Spitfire“ und „Hawker Hurricane“ vorgestellt wurden, schien sich für von Below die Überlegenheit der britischen Royal Air Force im Vergleich zum deutschen Stanardjäger „Me 109“ deutlich abzuzeichnen. Den entscheidenden militärischen Unterschied müsste der Pilot leisten. Während der damalige Chef des Luftwaffenführungsstabs, Hans Jeschonnek, und Hitler den Bericht von Belows über die englischen Luftstreitkräfte sehr ernst nahmen, zeigten Göring und Udet daran kein Interesse. Es sei Görings Eigenart gewesen, so von Below, die gegnerische Rüstung grundsätzlich zu unterschätzen. Jeschonnek hingegen hätte wenig Vertrauen in Udet und seine Führung des Technischen Amts gehabt. Als späterer Generalsstabschef der Luftwaffe lag er regelmäßig im Konflikt mit Udet, wenn es unter anderem um die Entwicklung, Fertigung und Auslieferung von Kampfflugzeugen ging. Udets Passion läge bei den Jagdbombern, in denen Jeschonnek nur eine Übergangslösung sah, so lange es kein gut arbeitendes Zielgerät für den Bombenabwurf im Horizontalflug gäbe, erinnerte sich der Adjutant.

Görings Entscheidung, Jeschonnek zum Generalstabschef zu befördern, habe für weiteres Konfliktpotential gesorgt. Die Ernennung des damals 39-Jährigen habe in der ganzen Wehrmacht wegen seines „jugendlichen“ Alters Aufsehen erregt. Dass er nicht, wie die bisherigen Generalstabschefs, älter als Göring, sondern sechs Jahre jünger war, spielte, so von Below, in Görings Überlegungen ebenso eine Rolle wie die ihm bekannte Tatsache, dass das Verhältnis zwischen Jeschonnek und Milch schlecht war. Göring hatte im Januar 1938 die Befugnisse seines Staatssekretärs Milch weiter eingeschränkt und sich das Luftwaffenpersonalamt und das Technische Amt direkt unterstellt. Das Verhältnis zwischen Göring und Milch sei damit am Tiefpunkt angelangt gewesen, so von Below, doch eine Trennung war keine Option. Hitler legte Wert darauf, dass Milch im RLM blieb, weil er dessen „fachliches Wissen und Können im Bereich der Luftwaffe über das von Göring stellte“. Dennoch konnte Göring seine persönlichen Differenzen beiseiteschieben, wenn es um sein Geltungsbewusstsein und die Reputation des RLM ging, so hatte Hitler 1940 vorgesehen, die Chefs der Luftflotten 2 und 3, Kesselring und Sperrle, zu Generalfeldmarschällen zu befördern. Dass damit zwei Luftwaffenoffiziere einen höheren Rang führten, als der Staatssekretär des RLM und Stellvertreter der Luftwaffe, war aus Görings Sicht undenkbar, Milch wurde deshalb auf Veranlassung des Reichsluftfahrtministers ebenfalls zum Generalfeldmarschall befördert.

Von Below sah die große Schwäche Görings darin, dass er die fachliche Überlegenheit von Untergebenen ihm gegenüber grundsätzlich „fürchtete“. Zum einen verstünde Göring selbst nicht viel von den technischen Aspekten der Luftwaffe, was Hitler nicht merken sollte, zum anderen wollte er vermeiden, dass dieser ihm in Einzelheiten hineinredete. Dies habe ihn gegenüber Hitler regelmäßig zu Übertreibungen der Leistungskraft der Luftwaffe verleitet. Während der Luftschlacht über England, erinnerte sich von Below, waren die von Göring täglich gemeldeten Abschusszahlen „erstaunlich hoch“. Göring meldete Hitler „fantastische Erfolge“, von denen sich dieser aber scheinbar wenig beeindrucken ließ. Nachdem von Below die tatsächlichen Zahlen direkt vom Generalstab bezog und diese Hitler vorlegte, sei Göring „entsetzt“ gewesen, beharrte aber auf seinen Angaben.

Udets Beförderung im Februar 1939 zum Generalluftzeugmeister verstand von Below ebenfalls als Manöver gegen Milch. Neben Udets bisherigen Aufgaben, Entwicklung und Erprobung des Luftwaffengeräts und der Waffen, unterstellte ihm Göring damit die Abteilungen Beschaffung, Nachschub und Versorgung. Der neue Generalluftzeugmeister, „eher ein liebenswerter Künstler als ein Schreibtischmensch“, war damit zum Chef des wichtigsten Aufgabenbereichs der Luftwaffe geworden, „ohne die notwendige Eignung für dieses schwierige Amt zu besitzen“. Den aus von Belows Sicht geeignetsten Mann für die Umstrukturierung sah er in Milch. Dass sich Udet und Milch nicht mochten, sei ebenfalls ein wesentliches Kriterium gewesen, Udets Stellung zu stärken. Dem Adjutanten zu urteilen, stellte Göring regelmäßig „persönliche Sympathien und Antipathien über die Sache“. Als sich Udet am 17. November 1941 das Leben nahm, übertrug Göring auf Hitlers Drängen hin dessen Verantwortungsbereich an Milch. Dieser habe sich nach von Belows Schilderungen „entsetzt“ gezeigt, als er sah, wie Udet das Amt des Generalluftzeugmeisters bisher geführt hatte. Milchs daraufhin vorgenommene Umstrukturierung zeigte alsbald Wirkung. Im darauffolgenden Jahr konnte er die monatlichen Produktionsraten der Jagdmaschinen verdoppeln.

Nicolaus von Below, Albert Speer, Adolf Hitler und Wilhelm Keitel (v. l.) | Bundesarchiv, Bild 183-1987-0519-501 / Hoffmann, Heinrich / CC-BY-SA 3.0

Dass Göring zunehmend versuchte, ohne Rücksicht auf den Generalstab die Luftwaffe zu führen, führte im August 1943 zum Bruch mit Jeschonnek. Gegenüber von Below habe sich Jeschonnek „verzweifelt“ gezeigt, besonders die Vorwürfe Görings, das er allein die alliierten Bombenangriffe zu verantworten habe, seien für ihn „unerträglich“ gewesen. Doch von seinem Posten zurücktreten könne er nicht, denn er kenne keinen, der trotz Görings „Unzulänglichkeiten“ die Luftwaffe führen könne. Am 19. August beging Jeschonnek Selbstmord.

Das grundlegende Problem der Personalie Görings reichte nach Ansicht von Belows tiefer: Anfängliche Schwierigkeiten im RLM bestanden insbesondere mit dem Heeresteil der Wehrmacht, was unter anderem Görings Sonderstellung im Staat und in der Wehrmacht geschuldet gewesen war. Göring war als Oberbefehlshaber der Luftwaffe in allen militärischen Fragen und mit allen Dienststellen dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht Werner von Blomberg unterstellt. Als Reichsluftfahrtminister stand er aber neben von Blomberg, und „als engster Vertrauter von Hitler fühlte er sich Blomberg übergeordnet“. Dies erschwerte die Zusammenarbeit zwischen den beiden Oberbefehlshabern außerordentlich und übertrug sich nachteilig auch auf die Chefs der Generalstäbe. Den Generalen des Heeres blieb die „abfällige Einstellung“ Görings ihnen gegenüber nicht verborgen. Umgekehrt mokierten sich die Generale über den „unmilitärischen Haufen, der sich Luftwaffe nannte“, und über die „Amateursoldaten“ Göring und Milch an ihrer Spitze. Für den „engen Geist im Heer“ sei es bezeichnend gewesen, dass man „zwei Hauptleuten aus dem Weltkrieg nicht die Eignung zubilligte, unter Umgehung der Stufenleiter“ Generale geworden zu sein. Der Wehrmachtsadjutant Hitlers, Friedrich Hoßbach, habe von Below gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass er Göring und Milch für „militärische Laien“ hielt. Görings Kritik am Heer wiederum fußte auf seiner Auffassung, dass Marine und Luftwaffe im Gegensatz zum Heer den nationalsozialistischen Staat und seine Führung anerkannt hätten. Die Heeresgenerale dagegen empfand er bis auf wenige Ausnahmen als Fremdkörper, die sich dafür von ihren Kameraden den Vorwurf der „Charakterlosigkeit“ gefallen lassen mussten.

In den Erinnerungen von Belows zeichnet sich ein Luftfahrtministerium ab, das in erster Linie mit Rohstoffengpässen zu kämpfen hatte. Die Versorgung blieb von der Gründung 1933 bis Kriegsende ein bestimmender Faktor aller Miseren, denen sich die Luftwaffe stellen musste. Fähige Offiziere wie Milch oder Jeschonnek, die im RLM mit Führungsaufgaben betreut wurden, leisteten, so der Adjutant, unter den gegebenen Umständen gute Arbeit. Gleichermaßen mangelte es laut Hitlers Adjutanten im RLM aber auch bei den entscheidenden Positionen an qualifiziertem Personal. Zwischen Görings sozialen wie fachlichen Defiziten und den vielen Missständen innerhalb der Luftwaffe stellte von Below immer wieder einen direkten Zusammenhang her. Nach den verheerenden Bombenangriffen auf Köln vom 30. und 31. Mai 1942 und der damit einhergehenden unzureichenden Luftverteidigung des Reichs zweifelte Hitler, so von Below, erstmals an Görings Kompetenzen, das RLM weiterhin adäquat führen zu können. Im Laufe des Jahres 1943 wandte sich Hitler mit Luftwaffenfragen immer häufiger direkt an den Luftwaffen-Generalstab. Görings zunehmender Machtverlust wurde, so stellt es von Below in den Erinnerungen mehrfach dar, von ihm und seinem Umfeld begrüßt. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Aufzeichnungen von Belows Erinnerungen eines Soldaten sind, der auch 1980, nach mehr als 30 Jahren Abstand zu den Ereignissen, zur keiner ersichtlichen Selbstreflexion gelangte.

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