„Ich bin der Chef der deutschen Luftwaffe, aber ich habe keine Luftwaffe“. Robert Ritter von Greims Karriere im Reichsluftfahrtministerium

Robert Greim begann seine militärische Laufbahn in der Königlich Bayerischen Armee und fand zu Beginn des Ersten Weltkriegs in der Artillerie an der Westfront Verwendung. Nach einer Ausbildung zum Flugzeugbeobachter und einer Ausbildung an der Fliegerschule in Schleißheim wurde er ab Februar 1917 als Flugzeugführer eingesetzt. Als Chef der 34. Jagdstaffel und Führer der 10. Jagdgruppe „Greim“ erzielte er 28 Abschüsse. Aufgrund dieser Erfolge verlieh ihm König Ludwig III. von Bayern das Ritterkreuz des Militär-Max-Josephs-Ordens, mit dem der persönliche Adelstitel „Ritter von“ verbunden war. Im Oktober 1918 folgte der höchste preußische Orden, der „Pour le mérite“.

Nach Kriegsende machte er sich zusammen mit Ernst Udet als Kunstflieger einen Namen, allein in Nürnberg strömten im Oktober 1919 15000 Schaulustige herbei, um den inszenierten Luftkämpfen beizuwohnen. In München begann er ein Jurastudium, welches er mit dem Referendar Examen abschloss und lernte dort Adolf Hitler kennen. Der vermeintlich unter Flugangst leidende Hitler flog zum ersten Mal mit Greim in einem Flugzeug. Nach dem Scheitern des Putschversuchs im November 1923 verließ Greim das Deutsche Reich und ging von August 1924 bis Mai 1927 nach China, wo er für General Chiang Kai-shek eine chinesische Fliegertruppe aufbaute. Nach seiner Rückkehr wurde er im Oktober 1927 Direktor des Bayerischen Luftsportverbands.

Generalleutnant Greim | Bundesarchiv, Bild 101I-401-0204-25 / Perschermeier / CC-BY-SA 3.0

Im Januar 1934 trat Greim wieder in die Reichswehr ein. Im Rang eines Majors leitete er vorerst die Deutsche Verkehrsfliegerschule in Würzburg, die heimlich Kampfpiloten ausbildete. Drei Monate später wurde er Kommandeur des ersten Jägerverbands der Luftwaffe. Als die Luftwaffe im März 1935 an die Öffentlichkeit trat, wurde Greim zum Inspekteur der Jagd –und Sturzkampfflieger im Reichsluftfahrtministerium ernannt. 1935 erfolgte die Beförderung zum Oberstleutnant. 1936 wurde er als Oberst Inspekteur für Flugsicherung und Gerät. 1937 übernahm er den Chefposten des Personalamts im RLM. 1938 erreichte er den Rang eines Generalmajors und übernahm 1939 als Kommandeur die 5. Fliegerdivision, das spätere V. Fliegerkorps. Am 1. Januar 1940 wurde er zu dessen kommandierenden General ernannt und gleichzeitig zum Generalleutnant befördert. Sein erster größerer Einsatz mit dem V. Fliegerkorps erfolgte während des Frankreichfeldzugs. Nach der Kapitulation Frankreichs wurde Greim mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet und am 19. Juli 1940 zum General der Flieger ernannt. Seine sechs Beförderungen innerhalb von sechs Jahren in der Luftwaffe stehen beispielhaft für das Karrieremuster vieler Offiziere im RLM. Die besseren und schnelleren Beförderungsaussichten für Offiziere in der stetig wachsenden Luftwaffe im RLM stießen bei den anderen Heeresteilen immer wieder auf Missgunst.

Im September 1941 wurde das V. Fliegerkorps zur Heeresgruppe Mitte berufen, um diese bei der Schlacht um Moskau zu unterstützen. Als der Chef des Generalstabs der Luftwaffe, Günther Korten an den Folgen seiner schweren Verletzungen in Folge des Attentats vom 20. Juli 1944 starb, schlug Hitler Greim, mittlerweile Generaloberst, als dessen Nachfolger vor. Göring aber hatte bereits am 24. Juli Werner Kreipe als Nachfolger ernannt, da er nicht zu Unrecht in Greim einen ernsthaften Konkurrenten sah. Göring war sich seiner schwindenden Gunst beim Führer bewusst und im Klaren darüber, dass sein Posten immer wieder mit Greim in Verbindung gebracht wurde. Hitler war zunehmend mit Göring und seiner Luftwaffenführung unzufrieden und erwog deshalb, ihn als Oberbefehlshaber der Luftwaffe abzusetzen. Die aus seiner Sicht geeignetsten Luftwaffenoffiziere waren Generalfeldmarschall Wolfram Freiherr von Richthofen, Generalfeldmarschall Albert Kesselring und eben Greim. Richthofen war jedoch inzwischen schwer erkrankt und Kesselring an der italienischen Front unentbehrlich. Am 21. September 1944 bot Hitler Greim den Posten des stellvertretenden Oberbefehlshabers der Luftwaffe an, was einer faktischen Entmachtung Görings gleichgekommen wäre. Als es zwischen Göring und Greim am 3. Oktober aufgrund dieses angebotenen Postens zu einem Treffen kam, gerieten beide aneinander. Nach Greims späteren Schilderung schien Göring „vor Wut von Sinnen“ zu sein: „Er war in seiner Scheinwelt des Jagdhauses von ‚Karinhall‘ wieder der starke Schöpfer der Luftwaffe“. Göring äußerte sich später gegenüber Kreipe, Greim sei ein „Verräter“ und man wolle ihn loswerden. Hitler entschärfte die Situation und zog seinen Vorschlag zurück.

Adolf Galland (li.) und Günther Lützow | Bundesarchiv, Bild 101I-468-1421-36 / Ketelhohn (t) / CC-BY-SA 3.0

Am 13. Januar 1945 baten Oberst Günther Lützow, Generalleutnant Adolf Galland und Oberst Johannes Steinhoff Greim, er solle an Hitler appellieren, Göring als Oberbefehlshaber der Luftwaffe zu entlassen. Greim konnte sich dazu jedoch nicht durchringen. Auch die zweite Möglichkeit, die Führung der Luftwaffe zu übernehmen, wollte Greim nicht ergreifen. Nach Steinhoffs späteren Aufzeichnungen soll er gesagt haben: „Mich, der ich viele Jahre lang dem Reichsmarschall treu gedient habe. Der ich an den Führer geglaubt habe und verdammt noch mal, noch immer an ihn glaube. (…) Ich kann nicht zum Verräter werden. Und schon gar nicht Hermann Göring gegenüber.“ Das als „Meuterei der Jagdflieger“ bezeichnete Treffen endete nach einer Aussprache mit Göring darin, dass Lützow, Galland und Steinhoff ihre Posten verloren und zwangsversetzt wurden. Steinhoff, der wie Galland später in der Bundeswehr Wiederverwendung finden sollte und 1966 Generalinspekteur der Luftwaffe wurde, erinnert sich dennoch an Greim als einen „männlichen, sympathischen Bayern, (der) Beständigkeit ausstrahlte“.

Anfang April 1945 wurde Greim Befehlshaber aller Luftwaffenverbände an der Ostfront. Er verfügte über 2200, die Sowjets über 15000 Flugzeuge. Die meisten der erfahrenen deutschen Piloten waren bereits gefallen und der Treibstoff für die Flieger aufgebraucht. An der Westfront sah es mindestens genauso kläglich aus, die Deutschen waren den alliierten Fliegern 1:20 unterlegen. Eine deutsche Luftwaffe war praktisch nicht mehr vorhanden.

14 Tage vor Kriegsende erreichte die Karriere Greims ihren zweifelhaften Höhepunkt. Am 23. April 1945, als Berlin von der Roten Armee vollständig eingeschlossen war, ließ Göring von Bayern aus an den Führerbunker die Frage funken, ob er im Falle der drohenden Handlungs –und Kommunikationsunfähigkeit Hitlers die Führung des Reichs übernehmen solle. Hitler sah darin nichts anderes als Verrat oder gar einen Putschversuch Görings. Er enthob Göring aller Ämter und befahl seine Verhaftung. Tags darauf beorderte er Greim, der inzwischen sein Hauptquartier nach München verlagert hatte, nach Berlin. Ein Flug von München nach Berlin war jedoch unter den gegebenen Umständen lebensgefährlich. Hatte doch die Luftwaffe längst die Oberhoheit über den deutschen Luftraum verloren. Geflogen von der berühmten Testpilotin Hanna Reitsch, schaffte es Greim dennoch in Berlin auf einer mit Granattrichtern übersäten Straße in der Nähe der Reichskanzlei zu landen. Beim Anflug über dem Berliner Tiergarten war der Flieger unter Flakfeuer geraten und Greim erlitt Verletzungen am Fuß. Hitler beförderte Greim zum Generalfeldmarschall und ernannte ihn zum neuen Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Gegenüber General Karl Koller, dem letzten Generalstabschef der Luftwaffe, äußerte er sich hoffnungsvoll. „Es gedeiht noch alles zu einem guten Schluss. Mich haben das Zusammensein mit dem Führer und seine Kraft außerordentlich gestärkt“, zitiert Koller später in seinen Erinnerungen den letzten Oberbefehlshaber der Luftwaffe.

Am 2. Mai, zwei Tage nach dem Selbstmord Hitlers war von der neugeweckten Euphorie Greims wenig übrig geblieben: „Der Idealismus und die Hingabe der Soldaten, die geglaubt hätten, einem reinen Ziel zu dienen“ müssten nun in dieser Katastrophe enden, so Greim in Schleswig-Holstein gegenüber Großadmiral Karl Dönitz. Weiter schreibt Dönitz in seinen Memoiren: „Er (Greim) wolle sein Leben nicht weiterführen. Bewegt schieden wir voneinander.“ Resigniert wurde Greim kurz darauf von Alliierten gefangen genommen. Gegenüber den US-amerikanischen Soldaten soll er sich folgendermaßen zu erkennen gegeben haben: „Ich bin der Chef der deutschen Luftwaffe, aber ich habe keine Luftwaffe.“ In ein Salzburger Lazarett eingeliefert, beging er dort am 24. Mai 1945 im Alter von 52 Jahren Selbstmord.

 

Quellen und Literatur:

  • Dönitz, Karl: Zehn Jahre und zwanzig Tage. Erinnerungen 1935 – 1945. Bonn 1997.
  • Koller, Karl: Der letzte Monat. 14. April bis 27. Mai 1945. Tagebuchaufzeichnungen des ehemaligen Chefs des Generalstabs der deutschen Luftwaffe. Esslingen 1985.
  • Mitcham JR., Samuel W.: Generalfeldmarschall Robert Ritter von Greim, in: Ueberschär, Gerd R. (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. Bd. 2 Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende. Darmstadt 1998, S. 72 – 79.
  • Steinhoff, Johannes: In letzter Stunde. Verschwörung der Jagdflieger. München 1974.

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