Eine Musterkarriere im Propagandaministerium: Aufstieg und Ende des Ministerialdirigenten Wilfrid Bade

Dieser Mann dürfte ganz nach dem Geschmack seines späteren Chefs Joseph Goebbels gewesen sein: Nach dem Studium eines geisteswissenschaftlichen Fächerkanons von Geschichte bis Germanistik in Berlin und Leipzig hatte Wilfrid Bade (1906–1945) eine journalistische Laufbahn im Scherl-Verlag eingeschlagen. Zunächst Assistent in der Zentralstelle der Redaktionen in Berlin, ging er schon bald als Korrespondent des zum Hugenberg-Konzern gehörenden Verlagshauses nach München. Hier kam er 1929 erstmals in engeren Kontakt mit der NSDAP, nahm an deren 4. Parteitag in Nürnberg teil und trat ihr im Folgejahr bei (Mitgliedsnummer 310 103).

Wilfrid Bade (Die Mannschaft, Berlin: Wilhelm Limpert Verlag 1938.)

Otto Dietrich, der Reichspressechef der NSDAP, und Bade kannten sich bereits aus gemeinsamen Münchner Korrespondententagen. Seit Anfang der dreißiger Jahre arbeitete Bade nebenbei ehrenamtlich für die Reichspressestelle der NSDAP. Während er also 1932 für seine Berliner Auftraggeber über Hitlers Deutschlandflüge berichtete, redigierte er zugleich für die nationalsozialistische Partei deren Wahlpressedienst für alle bürgerlichen Blätter. Zum Handwerk des Journalisten kam das des Propagandisten hinzu. Es war die Zeit, um Netzwerke zu knüpfen, die Bade später einmal nützlich sein konnten: Mit Journalisten, die mit den Nazis offen oder verdeckt sympathisierten, oder mit Schriftstellern aus dem rechten Spektrum.

Schon in München hatte er immer wieder Versuche unternommen, dem aufreibenden Arbeitsfeld des Tagesjournalismus zu entkommen und in eine gesicherte Stellung zu gelangen. Mehrfach streckte er seine Fühler aus und wollte in der Pressestelle des preußischen Staatsministeriums eine Anstellung finden — vergeblich. Erst die Machtübernahme der Nationalsozialisten ermöglichte ihm diesen Karriereschritt. Er verdankte der Partei forthin fast alles.

Bade gehörte zur Aufbaugeneration des Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), in dem er vom 1. April 1933 an als Referent zunächst mit den Aufgabengebieten Auslandspresse und Pressekulturpolitik betraut war. Er war kein Verwaltungsfachmann, sondern als journalistischer Praktiker in diese Position gekommen. Diese Doppelrolle als schreibender Funktionsträger sollte prägend für seine gesamte weitere berufliche Laufbahn bleiben. Es gehörte zum von Goebbels ganz bewusst inszenierten Gründungsmythos dieses originär nationalsozialistischen Ministeriums, dass man sich von der Ministerialbürokratie alten Schlages abheben wollte. Bade entsprach genau dem Profil der dafür benötigten Funktionsträger: er war jung, ein Berufspraktiker und der NSDAP treu ergeben. Bade selbst trug schon bald seinen Teil zur Verbreitung des Bildes vom jungen Ministerium bei: in einem schmalen Bändchen mit einem Lebensbild des Ministers, das unter dem Titel „Joseph Goebbels“ schon im Mai 1933 auf den Markt kam. Darin lässt er den Minister den biblischen Satz „es werde Licht“ sagen, nachdem dieser den alten Mief aus den für das Ministerium vorgesehenen Räumen am Wilhelmplatz in Berlin buchstäblich durch Maler und Tapezierer hat vertreiben lassen. Der Minister war so begeistert, dass er in seinem Tagebuch notierte: „Baade [sic] hat ein blendendes Buch über mich geschrieben“ (23. Mai 1933).

Wilfrid Bade mit einem griechischen Bauern. Das Foto entstand vermutlich während der vom Propagandaministerium unter der Leitung von Karl Bömer und Wilfrid Bade organisierten Griechenlandreise deutscher Journalisten im Juni 1935 (Foto: Privatbesitz Ymme Winter).

Als Ansprechpartner für die in Deutschland akkreditierten ausländischen Korrespondenten war Bade in die Planung von propagandistischen Großereignissen wie den Olympischen Spielen 1936 eingebunden. Auch zeichnete er für die Organisation und Durchführung der verschiedenen Presskonferenzen des Ministeriums für in- und ausländische Journalisten mit verantwortlich. In diesen Konferenzen wurden Verlautbarungen und Sprachregelungen von Reichsbehörden, Ministerien und nicht zuletzt der Partei an die versammelten Pressevertreter ausgegeben. Allein durch diese Tätigkeit war Bade vielen Journalisten aus der regelmäßigen Zusammenarbeit persönlich bekannt. 1938 übernahm er dann das neu geschaffene Hauptreferat (später Abteilung) Zeitschriften- und Kulturpresse. Bade stieg im Apparat bis zum Ministerialdirigenten auf. Einen letzten Karriereschritt machte er im Januar 1945, als er neben seiner eigenen Abteilung vertretungsweise auch die Leitung der Abteilung Schrifttum übernahm — allerdings sollte dieser Triumph von kurzer Dauer sein.

Was seine Karriereplanung anging, zeigte sich Bade als wendig und geschickt. So gelang es ihm, sowohl beim Staatssekretär im RMVP und Reichspressechef der NSDAP, Otto Dietrich, als auch beim Minister Joseph Goebbels gleichermaßen in hohem Ansehen zu stehen: bei der Konkurrenzsituation dieser beiden keine kleine Leistung. Als Mitarbeiter Dietrichs war Bade während des Kriegs sogar mehrfach im Führerhauptquartier tätig. Auf den berühmten Fotos, die Hitlers Besuch im morgendlichen Paris im Juni 1940 propagandistisch festhielten, ist Bade in der Entourage des Führers klar auszumachen. Für viele Beobachter schien er damit endgültig im inneren Zirkel der Macht angekommen zu sein.

Typisch für ihn – und damit war Bade bei weitem kein Einzelfall –, dass er seine guten Kontakte und seine berufliche Position stets zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil nutzte. Er war und blieb ein Vielschreiber, der nicht nur die kurze journalistische Form beherrschte, sondern über die Jahre unzählige Bücher vom Liebesroman bis zum Sachbuch veröffentlichte. So wandelte er etwa als Ko-Autor von „Auf den Straßen des Sieges. Erlebnisse mit dem Führer in Polen“ (1939) zusammen mit Dietrich seine Erlebnisse im Führerhauptquartier in klingende Münze um oder fungierte als Textautor für Zigaretten-Bilderalben wie „Deutschland erwacht. Werden, Kampf und Sieg der NSDAP“ (1933). All diese Bücher erreichten Auflagen, die in die Zehn-, ja Hunderttausende gingen. Es waren auf der einen Seite Propagandaschriften, auf der anderen Seite füllte – höchst eigennützig – das Honorar aus den Verkäufen die Taschen der Propagandisten. Die guten Netzwerke und Kontakte aus der amtlichen Tätigkeit wie auch das Wissen über Zensur- und Lenkungsvorgaben halfen, diese Produkte auch kommerziell erfolgreich zu machen.

Von Mai bis September 1942 ging Bade schließlich als Angehöriger einer SS-Kriegsberichter-Abteilung an die Ostfront – wobei er, wie die Akten belegen, nur mäßig motiviert war. Vermutlich wäre er lieber im heimatlichen Berlin geblieben, allerdings gehörte ein solcher Einsatz für einen Mann aus dem RMVP mit seinen Ambitionen fast schon zum Pflichtprogramm. Und nach einigen Anlaufschwierigkeiten wurde er auch an der Front produktiv: Ergebnis war unter anderem eine Artikelserie unter dem Titel „Kaukasischer Krieg“, in der Bade den Lesern des „Völkischen Beobachters“ den Einsatz der Kriegsberichter im Schatten der rollenden Front der Waffen-SS-Verbände schilderte. Höchst wandlungsfähig zeigte sich Bade auch in seiner Textproduktion. Es gab kaum eine Gattung und kaum ein Genre, das er nicht bediente. So waren Gedichtbände wie „Tod und Leben“, die der Autor den „Gefallenen Kameraden der großgermanischen SS-Panzer-Grenadier-Division Wiking“ widmete (1943), von seinem Aufenthalt im Osten inspiriert. Der SS wollte er damit ein dichterisches Denkmal setzen, den Heldentod literarisch verklären. Das Kokettieren mit der SS mag er ebenfalls mit Blick auf eine mögliche weitere Karriere intensiviert haben. Noch während der Kämpfe um Berlin — als sich das Ende des Dritten Reichs längst abzeichnete — schrieb er an einem Theaterstück, das er ebenfalls der Waffen-SS widmete. Er sandte es dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, mit dem er schon zuvor immer wieder im Austausch gestanden hatte, als letzte Geste der Verehrung zu. Man fand sogar noch die Zeit, das Drama begutachten zu lassen. Diese Gutachten sind die einzigen Belege für Bades fieberhaftes dichterisches Schaffen kurz vor dem Ende – das Manuskript zu diesem Drama mit dem Titel „Tscherkassy“ ist verschollen.

Dankschreiben Heinrich Himmlers an Wilfrid Bade, heute im Besitz der Hoover Institution Archives.

Auch die Spuren des Autors Wilfrid Bades verlieren sich 1945 in Berlin. Laut einer eidesstattlichen Heimkehrer-Erklärung starb er am 24. Dezember in einem Kriegsgefangenenlager in Kaunas/Litauen und wurde für tot erklärt. Allerdings konnten seine sterblichen Überreste bei einer Umbettungsaktion des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge nicht geborgen werden. Es gibt Zeitzeugenberichte, die nahe legen, dass Wilfrid Bade im Frühjahr 1945 in Berlin durch eigene Hand gestorben ist.

 

Quellen und Literatur:

Fröhlich, Elke (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil I: Aufzeichnungen 1923–1941, Band 2/III: Oktober 1932–März 1934, bearb. v. Angela Hermann, München 2006.

Hoover Institution Archives, Wilfrid Bade Papers, 1927–1945, https://oac.cdlib.org/findaid/ark:/13030/tf6x0nb1x0/.

Härtel [Adam], Christian: Stromlinien. Wilfrid Bade – Eine Karriere im Dritten Reich, Berlin 2004.

Adam, Christian: Die Geburt der Populärkultur aus dem Geist der Bürokratie. Die Karriere des Autors und Funktionärs Wilfrid Bade im Propagandaministerium. In: Benz, Wolfgang/Eckel, Peter/Nachama, Andreas (Hg.): Kunst im NS-Staat. Ideologie, Ästhetik, Protagonisten, Berlin 2015, S. 145-153.

Krings, Stefan: Hitlers Pressechef Otto Dietrich (1897-1952). Eine Biografie, Göttingen 2010.

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