Ideologie und Pragmatismus. Zur personellen Ausgestaltung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda in seiner Frühphase

Als Goebbels im Frühjahr 1933 sein Ministerium errichtete, rückte natürlich bald die Frage nach der personellen Ausgestaltung in den Vordergrund. In einem seiner Tagebucheinträge aus dieser Zeit, die er in „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ 1934 veröffentlichte, hieß es: „Die Organisation des Ministeriums ist nun fertig. Organisationen an sich bedeuten ja nicht viel, wenn man an die entscheidenden Stellen nicht auch entscheidende Menschen zu setzen weiß.“ (5. April 1933) Ein „Revirement im Rundfunk“ hatte er da bereits vorgenommen, wie er am 2. April in seinem eigentlichen, der Öffentlichkeit damals nicht zugänglichen Tagebuch vermerkte. Die Presseabteilung müsse „noch schwer ausgeräuchert werden“ und auch unter den „[f]ade[n] Gesellen“ der Filmabteilung werde er „aufräumen“ (Tagebuch, 8. und 9. April).

Joseph Goebbels | Bundesarchiv, Bild 146-1968-101-20A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Erklärtes Ziel Goebbels‘ war die Besetzung von Stellen mit NSDAP-Anhängern, insbesondere jungen Nationalsozialisten. Sie verstünden „zwar den bürokratischen Kram nicht so gut wie die alten Beamten, sie bringen dafür aber Feuer, Begeisterung und unverbrauchten Idealismus mit“; nur so lasse sich der Staat „auf festen Fundamenten bauen“ (Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, 8. und 18. April). Auch als das Ministerium ein dreiviertel Jahr später nach Mitarbeitern suchte und deshalb bei den Landesverwaltungen anfragte, dachte es „an Herren, die im Alter zwischen 35 und 40 Jahren stehen […]. Gewünscht wird weiter, daß der Bewerber möglichst schon seit längerer Zeit auf dem Boden der Partei ist oder mindestens weltanschaulich der Bewegung nahesteht.“

Über die Zusammensetzung seines Personals notierte Goebbels bereits im Juni 1933: „82 % Nazis. Bald alle, die da sind.“ Vor diesem Hintergrund zog er zufrieden den Vergleich zu den anderen Reichsministerien: „Ich stehe am besten da.“ (Tagebuch, 11. Juni) Zum Personalreferenten machte der Minister übrigens Hans Rüdiger (1889-?), einen „alten Kämpfer“, der aber bereits zuvor im Staatsdienst tätig gewesen war, also Verwaltungserfahrung hatte. „In diesem Referat“, so hieß es in einem Artikel, den das Reichspropagandaministerium im „Völkischen Beobachter“ publizierte, „werden die Menschen geprüft und ausgewählt, die würdig und geeignet sind, im Geschäftsbereich dieses nationalsozialistischen Ministeriums zu arbeiten und das Dritte Reich zu bauen.“ (Völkischer Beobachter, 15./16. Juli 1934)

Es verstehe sich von selbst, erläuterte der Presseabteilungsreferent Wilfrid Bade (1906-1945), der den Artikel verfasst hatte, „daß diese Auswahl nicht nach den veralteten Grundsätzen einer versunkenen Zeit, insbesondere nicht nach gesellschaftlichen, Standes- oder anderen äußerlichen Gesichtspunkten erfolgt.“ Maßgeblich seien „nur Leistung, Gesinnung und Charakter“. Die Auswahl sei trotzdem „sehr schwer. Viele fühlen sich berufen, doch geeignet sind nur wenige.“ Wohl kaum beabsichtigt, lässt sich dieser Satz auch als Verweis auf den Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit in Goebbels‘ Personalpolitik lesen.

Denn, wie auch Daniel Mühlenfeld festgestellt hat, trifft es keineswegs zu, dass das personelle Profil des Ministeriums in allen Bereichen von jungen Nationalsozialisten dominiert wurde. Zwar war deren Anteil vor allem in der Propaganda-Abteilung (Abteilung II), die zugleich die größte Abteilung war, sehr hoch. Geleitet wurde sie von dem 26-jährigen Wilhelm Haegert (1907-1994), der seit 1929 der NSDAP angehörte und bis zu seiner Berufung ins Ministerium als Stabsleiter in der Reichspropagandaleitung fungiert hatte. An der Spitze der Abteilung I dagegen stand mit Erich Greiner (1877-1953) ein „Nichtpg.“ im Alter von 56 Jahren. Zu berücksichtigen ist dabei freilich, dass es sich bei dieser Abteilung um die Verwaltungsabteilung handelte, bei der der junge Minister verstärkt auf Fachwissen und Erfahrung seiner Mitarbeiter angewiesen war. So waren auch die Leiter der Rechts- und der Haushaltsabteilung, Hans Schmidt-Leonhardt (1886-1945) und Karl Ott (1891-1977), ausgebildete Juristen und schon seit dem Ersten Weltkrieg bzw. den 1920er Jahren im Staatsdienst tätig. Ott, der kurz vor dem Machtantritt Hitlers der NSDAP beigetreten war, rekrutierte Goebbels aus dem Reichswirtschaftsministerium, Schmidt-Leonhardt aus dem Reichsministerium des Innern; er wurde erst 1937 Mitglied der Partei. Auch der Leiter der Personalabteilung, Hans Rüdiger, brachte, wie gesagt, Verwaltungserfahrung mit.

Abbildung im Völkischen Beobachter, 15./16. Juli 1934

Ebenso strukturierte Goebbels nicht jede Abteilung, die in sein Ministerium eingebaut wurde, personell vollkommen um, sondern übernahm auch bereits dort tätige Beamte, auch in hohen Positionen. Beispielsweise wurde Ernst Seeger (1884-1937), der von 1919-1923 die Reichsfilmstelle im Reichsinnenministerium und ab 1924 die Film-Oberprüfstelle geleitet hatte, Leiter der Filmabteilung. Gustav Krukenberg (1888-1980), der unter der Regierung Papen Referent des Reichsrundfunkkommissars im Reichsministerium des Innern gewesen war und mit dem Machtwechsel 1933 selbst Rundfunkkommissar wurde, fungierte zunächst als Leiter der ins Propagandaministerium übernommenen Rundfunkabteilung.

In der Gründungsphase des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda folgte Goebbels bei der personellen Besetzung demnach nicht nur dem selbst formulierten ideologischen Anspruch, sondern ging auch pragmatisch vor. Dieser Pragmatismus wird auch in seinem Tagebuch offenbar, wenn er am 6. April 1933 über die Ministeriumsorganisation schreibt: „Hauptsache, wenn die Spitzen besetzt sind“. Dies steht in gewissem Kontrast zu seiner eingangs zitierten und in „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ veröffentlichten Aussage. Diese lässt Goebbels‘ Personalentscheidungen deutlich strategischer erscheinen, als sie in der unmittelbaren Anfangszeit tatsächlich getroffen wurden. Dass auch Nachjustierungen erforderlich werden sollten, zeigt wiederum das Beispiel Krukenberg. Schon am 18. Mai hielt Goebbels in seinem Tagebuch fest: „Krukenberg muß weg. […] Ärger mit Krukenberg.“ Im Juli 1933 wurde der Leiter der Rundfunkabteilung durch Horst Dreßler-Andreß (1899-1979) ersetzt. Dieser – 34 Jahre alt und seit 1930 NSDAP-Mitglied – passte wiederum in das angestrebte Personalprofil junger Nationalsozialisten.

 

Quellen und Literatur:

Goebbels, Joseph: Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei. Eine historische Darstellung in Tagebuchblättern (Vom 1. Januar 1932 bis zum 1. Mai 1933), München 1934.

Fröhlich, Elke (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil I: Aufzeichnungen 1923–1941, Band 2/III: Oktober 1932–März 1934, bearb. v. Angela Hermann, München 2006.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 130b Bü 734, Schreiben der Vertretung Württembergs beim Reich an das Württ. Staatsministerium, 18. Januar 1934.

Völkischer Beobachter, Beilage „Der Beamte im Dritten Reich“, 15./16. Juli 1934.

Mühlenfeld, Daniel: Vom Kommissariat zum Ministerium. Zur Gründungsgeschichte des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, in: Hachtmann, Rüdiger/Süß, Winfried (Hrsg.), Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur, Göttingen 2006, S. 72–92, hier S. 82f.

Krings, Stefan: Das Propagandaministerium. Joseph Goebbels und seine Spezialisten, in: Hachmeister, Lutz/Kloft, Michael (Hrsg.): Das Goebbels-Experiment. Propaganda und Politik, München 2005, S. 29-48, hier S. 36, 42.

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