Psychiater und Referent im Reichserziehungsministerium: Maximinian de Crinis

Zwischen dem 19. Februar und dem 19. März wurde die zweite Staffel der Fernsehserie „Charité“ in der ARD ausgestrahlt. Sie erzählt die erfundene Geschichte der angehenden Ärztin Anni Waldhausen und spielt in den letzten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur und des Zweiten Weltkriegs. Neben fiktiven Charakteren sind auch historische Figuren Teil der Serie, so unter anderem Maximinian (Max) de Crinis (1889-1945), der von November 1938 bis zu seinem Suizid im Mai 1945 die Psychiatrie des Berliner Universitätskrankenhauses leitete. Neben mehreren anderen Funktionen war de Crinis ab 1940 außerdem Referent für medizinische Sachfragen im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM).

Der in der Steiermark geborene Arzt war ein überzeugter Nationalsozialist. Schon früh deutschnational und antisemitisch geprägt, trat er 1929 dem Steirischen Heimatschutz und 1931 der NSDAP bei. Im Mai 1934 wurde er im Zuge von Festnahmen, die nach politisch motivierten Anschlägen in Österreich vorgenommen wurden, inhaftiert, jedoch bald wieder entlassen. Er floh nach Jugoslawien, um von dort seine Berufung als Ordinarius nach Köln zu betreiben. Bereits im Juli 1934 hatte er damit Erfolg und wurde Professor für Neurologie und Psychiatrie sowie Direktor der psychiatrischen und Nervenklinik an der Universität Köln.

Zu den zentralen Begriffen von de Crinis medizinischem Programm gehörten „Rassenhygiene“ und „Eugenik“. Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhielt er 1936/37 beispielsweise Mittel zur „Zusammenstellung und Auswertung von Untersuchungsergebnissen teils erbbiologischer, teils geomedizinischer Art aus einem abgeschlossenen Inzuchtgebiet in Westdeutschland“, wie seine DFG-Forscherakte vermerkt. Die Bedeutung der Erbforschung und ihrer Fortschritte hob de Crinis auch in der Festschrift „Deutsche Wissenschaft“, die das REM 1939 aus Anlass von Hitlers 50. Geburtstag herausgab, hervor: „Es galt ja nicht nur die Ergebnisse der Erblehre zu erweitern, sondern auch deren praktische Auswirkungen in den Dienst der Volksgesundheit zu stellen.“

In der Festschrift zum 50. Geburtstag Adolf Hitlers schrieb de Crinis über den Bereich „Psychiatrie“ | Deutsche Wissenschaft. Arbeit und Aufgabe, Leipzig 1939, Buchdeckel.

Auch wenn sich, so Hinrich Jasper, aufgrund der Quellenlage de Crinis‘ Rolle bei den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktionen nicht genau klären lässt, war er an deren Organisation und Durchführung maßgeblich beteiligt. Unter anderem referierte er über die praktische Umsetzung des „Euthanasie“-Programms bei Ärzteversammlungen und nahm Stellung zu dem durch die Kanzlei des Führers 1939/40 entworfenen „Euthanasie“-Gesetz, an dessen Erarbeitung er also mitwirkte. Jasper weist weiterhin auf die Verlegung von Kindern in die „T4“-Forschungsabteilung der Landesanstalt Görden durch de Crinis hin; in der dortigen Kinderfachabteilung fanden Morde zu Forschungszwecken statt.

De Crinis stellte sich auch in den Dienst des Krieges. Schon während des Ersten Weltkriegs war er psychiatrischer Sachverständiger am Militärgericht in Graz gewesen, im Zweiten Weltkrieg fungierte er als Beratender Heerespsychiater und Beratender Psychiater der Waffen-SS. Aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs fürchtete man eine Schwächung der Wehrmacht durch von Krieg und Kampfhandlungen ausgelöste psychische Erkrankungen. De Crinis stand hier für ein entschiedenes Vorgehen gegen „Kriegsneurotiker“ und „Simulanten“, ebenso wie gegen homosexuelle Soldaten. Er empfahl harte Strafen, auch Foltermethoden und Schocktherapien. Psychologische oder psychotherapeutische Behandlungen lehnte de Crinis als naturwissenschaftlich geprägter Psychiater – nicht nur in diesem Zusammenhang – ab.

Über das Reichsinstitut für psychologische Forschung und Psychotherapie hielt er im April 1944 beispielsweise fest, dieses habe „[l]eider […] die jüdische Richtung der Freudschen Psychoanalyse nicht aufgegeben, und die deutsche Psychiatrie wird in der nächsten Zeit wohl auch genötigt sein, gegen diese Entartungserscheinungen, die ein nationalsozialistisches Mäntelchen tragen, vorzugehen.“ Im Hintergrund des Schreibens stand der Antrag auf Ernennung des Internisten und Psychotherapeuten Gustav Richard Heyer (1890-1967) zum Professor am Reichsinstitut, für den de Crinis zuständig war. Denn zum 1. Januar 1940 war er als Referent für medizinische Sachfragen ins Amt Wissenschaft des REM berufen worden und hatte als solcher auch die Berufungen und Ernennungen der medizinischen Fakultäten und Institute zu bearbeiten.

De Crinis lehnte den Antrag ab, so dass Heyer nur außerplanmäßiger und damit unbezahlter Professor wurde. Seine Geringschätzung und Ablehnung von Psychologie und Psychotherapie hatte also auch praktische Auswirkungen auf die Personalentscheidungen des Ministeriums. Die Bewerbung des Psychiaters Nikolaus Jensch (1913-1964) für die 1941 als „NS-Kampfuniversität“ gegründete Reichsuniversität Straßburg unterstützte er hingegen nachdrücklich; eines von Jenschs Fachgebieten waren „erbwissenschaftliche Forschungen zur Homosexualität und ihren Ursachen“. Weitere Aufgaben von de Crinis im REM betrafen die Organisation des Medizinstudiums, das an die Kriegsbedingungen anzupassen war. Studienzeitverkürzungen und eine Einteilung in Trimester statt Semestern wurden eingeführt und wieder zurückgenommen, was jeweils Neuregelungen der Studienordnungen erforderlich machte.

Auch inhaltlich wurde das Studium etwa durch die stärkere Berücksichtigung chirurgischer Fächer an den Krieg angepasst, während die Stundenzahlen zum Beispiel für das Fach „Rassenhygiene“ gekürzt wurden. De Crinis setzte hier auf praktisches Lernen: „Die Kenntnisse der Studierenden auf diesem Gebiet [Rassenbiologie] sind mangelhaft. Die theoretische Vorlesung allein genügt nicht. Der Unterricht muß durch Besprechungen in den Kliniken vertieft werden“, äußerte er 1944 vor den Dekanen der medizinischen Fakultäten. Seine Skepsis gegenüber der Psychologie schlug sich auch in der strikten Trennung dieser Ausbildung vom Medizinstudium nieder. So setzte er bei der Einführung des Diplomstudiengangs Psychologie 1941 durch, dass die in der Prüfungsordnung vorgesehenen „rein klinischen Fächer[…], insbesondere Psychiatrie und Neurologie“, wieder gestrichen wurden.

Die geschilderten ministeriellen Aufgaben spielen in der eingangs genannten Fernsehserie „Charité“ keine besondere Rolle – wenig verwunderlich, ergeben sich aus de Crinis‘ anderen Funktionen wesentlich filmreifere Anknüpfungspunkte für die Serienstory, wie etwa seine (nicht eindeutig geklärte) Rolle als Gutachter für die Haft(un)fähigkeit Hans von Dohnanyis, der wegen seiner Widerstandstätigkeiten gegen das nationalsozialistische Regime kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde, oder auch sein Suizid. Am 2. Mai beging de Crinis nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus Berlin gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord mit Zyankali.

 

Quellen und Literatur:

Crinis, Max de: Psychiatrie, in: Deutsche Wissenschaft. Arbeit und Aufgabe, Leipzig 1939, S. 116f.

Grau, Günter: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945. Institutionen – Kompetenzen – Betätigungsfelder, Berlin 2011, S. 166.

Jasper, Hinrich: Maximinian de Crinis (1889-1945). Eine Studie zur Psychatrie im Nationalsozialismus (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Heft 36), Husum 1991.

Süß, Winfried: Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939-1945 (= Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 65), München 2003, S. 356.

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