Fußball, Propaganda und Erziehung. Eine Sportart und ihre Instrumentalisierung durch nationalsozialistische Reichsministerien

Als „schwärzesten Tag des deutschen Fußballsportes in der Nachkriegszeit“ bezeichnete die Presse den 9. Juni 1938: „Nie hat Deutschland eine peinlichere Niederlage erlitten, als an diesem Junitag im Prinzen-Park zu Paris“ (Der Führer, 12.6.1938). Was war geschehen?

Am 4. Juni hatte die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich begonnen, fünf Tage später schied die deutsche Nationalmannschaft im Pariser Stadion „Parc des Princes“ aus. Sie hatte erst zwei Spiele gespielt und nur gegen einen Gegner: die Schweiz. Eine Vorrunde mit Gruppenspielen gab es damals nicht, das Turnier begann direkt mit dem Achtelfinale; im Fall eines Unentschieden sah das Reglement ein Wiederholungsspiel vor. Nachdem das erste Spiel der beiden Mannschaften, das zugleich das Eröffnungsspiel dieser WM darstellte, am 4. Juni 1:1 ausgegangen war, unterlagen die deutschen den Schweizer Nationalspielern am 9. Juni mit 2:4 Toren.

Die deutsche Nationalmannschaft vor dem Anpfiff am 4. Juni 1938 | Standbild https://www.youtube.com/watch?v=qUqBIhO9VX0

Deutschland war dabei mit einem „großdeutschen“ Team angetreten. Denn nach dem am 12. März 1938 erfolgten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war eine paritätisch besetzte Mannschaft aus sechs deutschen und fünf österreichischen Spielern gebildet worden. Wie sich zeigte, harmonierten die unterschiedlichen Spielweisen der deutschen und der österreichischen Mannschaft jedoch nicht. Die „einheitliche Verschmelzung von Wiener Spielern mit den Altreichsdeutschen“ sei, so ein Zeitungskommentar, ganz offensichtlich „noch nicht gelungen“; Paris müsse zum Wendepunkt für den deutschen Fußballsport werden: „Wir haben hervorragende Techniker, […] aber nicht die wirkungsvolle Einheitlichkeit einer Fußball-Mannschaft. […] Wir wollen wieder eine Mannschaft sehen, die freudig einen frischen, ideenreichen, aber auch in der Auswertung produktiven Fußball spielt“ (Der Führer, 12.6.1938).

Einen „in der Auswertung produktiven Fußball“ hätte sich wohl auch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) gewünscht. Denn Minister Joseph Goebbels war dessen propagandistisches Potential durchaus bewusst, wie sich etwa in seinem Tagebucheintrag über das Fußballspiel Deutschland gegen Norwegen während der Olympischen Spiele 1936 zeigt: „Ein richtiges Nervenbad. Das Publikum rast. Ein Kampf wie nie. Das Spiel als Massensuggestion.“ Doch auch hier wurden die Deutschen mit 2:0 Toren besiegt. Solche Niederlagen ließen sich schlecht von der Propagandaabteilung, in der auch ein Referat für „Jugend und Sport“ existierte, verwerten. Darüber hinaus gaben sie sogar Anlass zur Sorge – nicht nur wegen des sportlichen Misserfolgs, sondern auch hinsichtlich des Ansehens der deutschen Presse. So lautete eine Presseanweisung Ende Juni 1938: „Fuer das Endspiel um die deutsche Fussballmeisterschaft soll man sich nicht vorher auf irgendein Ergebnis festlegen“, da „[v]iele Zeitungen […] bei dem Weltmeisterschaftskampf Deutschland-Schweiz derartig vorbeigetippt [hätten], dass es eine Blamage für die Zeitungen gewesen sei“ (Presseanweisung vom 24.6.1938).

Auch der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler hat auf den Versuch hingewiesen, angesichts der Massenpopularität des Fußballs, den man auch als „Volksmacht“ bezeichnen könne, diesen zu instrumentalisieren. Aber, so Teichler: „[M]it dieser Sportart hat das Dritte Reich ja immer Pech gehabt“. Ende 1942 wurden der internationale Sportverkehr und damit auch die Fußball-Länderspiele schließlich eingestellt – nicht zuletzt auch deshalb, weil Goebbels es für töricht hielt, „in der heutigen Zeit“ ein Fußballspiel durchzuführen, dessen Ausgang aller Voraussicht nach mit einer Niederlage enden müsste. Eine solche hatten die Deutschen im September desselben Jahres gegen Schweden kassiert, und der Propagandaminister notierte in sein Tagebuch: „100.000 sind deprimiert aus dem Stadion weggegangen; und da diesen Leuten ein Gewinn des Fußballspiels mehr am Herzen lag als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten, müsste man für die Stimmung im Innern eine derartige Veranstaltung ablehnen.“ Spiel-Begegnungen während des Krieges waren aus Sicht der Propaganda also kontraproduktiv, jedenfalls wenn die deutsche Mannschaft von anderen Ländern besiegt wurde. In seiner berühmten „Sportpalast-Rede“ vom Februar 1943, in der er zum „totalen Krieg“ aufrief, machte Goebbels die Prioritäten nochmals deutlich: „Uk.-Stellungen sind auf dem Sportgebiet gänzlich sinnlos. Der Sport hat ja die Aufgabe, die Körperkraft zu stählen, doch wohl in der Hauptsache zu dem Zweck, sie wenigstens in der schlimmsten Notzeit des Volkes zum Einsatz zu bringen.“ Sport konnte in den Augen des Ministers kein Selbstzweck sein, sondern hatte dem Krieg zu dienen.

Auch das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) hob diesen Zusammenhang von Sport, körperlicher Leistungsfähigkeit und Krieg immer wieder hervor. Insbesondere der Leiter des „Amts für körperliche Erziehung“, Carl Krümmel (1895 – 1942), der zuvor als Heeressportlehrer und Inspekteur der Geländesportschulen beim Chef des Ausbildungswesens der SA tätig gewesen war, betonte die Bedeutung des Sports und gerade auch des Fußballs für die „Wehrfähigkeit“. Schon 1932/33, also vor seiner Tätigkeit im Ministerium, hatte Krümmel über die Nützlichkeit der Sportarten Fußball und Rugby, die im französischen Heer vorwiegend trainiert würden, in einem Manuskript festgehalten: „Sie [Fußball und Rugby] betätigen diejenigen Fähigkeiten, die dem Soldaten am kostbarsten sind: Geschicklichkeit, Geschmeidigkeit, Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Härte ebenso wie Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart, Angriffsgeist und Entschlossenheit, Schnelligkeit des Urteils, Disziplin, Kameradschaft und Korpsgeist, außerdem das Gefühl der Verantwortung des Einzelnen nicht nur für sich, sondern für seine Mannschaft.“ Dementsprechend waren für Krümmel, so der Sporthistoriker Horst Ueberhorst, „wettkampfmäßig betriebene Leibesübungen […] wertvoller für die militärische Erziehung als Körperdrill“. Die Reichswehr sollte zu einer „vorbildlichen Pflanzstätte deutscher Leibesübungen“ werden, und die „hier gepflegte soldatisch-sportliche Haltung und Gesinnung sei auf das ganze Volk zu übertragen, um so den Wehrgedanken national zu verankern“.

Carl Krümmel | Ueberhorst, Horst: Carl Krümmel und die nationalsozialistische Leibeserziehung, Berlin 1976, S. 17.

Nach Krümmels Ende 1934 erfolgter Berufung zum Ministerialdirektor und Leiter des so genannten „Amts ‚K‘“ des REM wurde bald die Stundenzahl des Sportunterrichts erhöht, zunächst auf drei, später auf fünf Wochenstunden. Dies sollte die Erziehung zu „Mut, Kraft, Gewandtheit und Wehrhaftigkeit“ gewährleisten. Als „Kampfspiele“ wurden für die Mittelstufe Fußball und Handball verpflichtend eingeführt, während die Oberstufe im Boxen unterrichtet wurde. In Abstimmung mit dem Reichswehrministerium veröffentlichte das REM 1937 „Richtlinien für die Leibeserziehung an Jungenschulen“, die auch eine eindeutig wehrerzieherische Ausrichtung hatten. Die Leibeserziehung betreffe, so Krümmel, die nächsten Rekruten. Auch die im „Amt ‚K‘“ tätigen Ministerialräte Rudolf Freund und Martin Boye definierten als Ziel der Richtlinien bzw. der Leibesübungen, „vom Leibe her den politisch-soldatischen Kämpfer zu formen“ und „die Jugend zur Wehrreife zu führen“. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 verstärkte dieses Junktim von körperlicher Erziehung sowie Ausbildung und Optimierung soldatisch-militärischer „Tugenden“ noch. Im Dezember 1939 schrieb Krümmel in der vom REM herausgegebenen Zeitschrift „Leibesübungen und körperliche Erziehung“ über die jetzt besonders notwendige Funktion des Schulsports, die „körperlichen und seelischen Grundlagen für die Wehrfähigkeit“ zu schaffen. Gerade in der Kriegszeit müsse es „selbstverständlich [sein], dass die Übungsgebiete Fußball und Boxen […] besondere Berücksichtigung erfahren“. Denn es seien in erster Linie diese Sportarten, die „eine Erziehung zu kämpferischem Einsatz und entschlossenem Handeln“ gewährleisteten. Auch das Reichserziehungsministerium bemühte sich also um eine Instrumentalisierung des Fußballs zu seinen Zwecken, war im Unterschied zum Reichspropagandaministerium dabei jedoch weitaus weniger abhängig vom Spielausgang.

 

Quellen:

Der Führer, 12.6.1938.

Fröhlich, Elke (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil II: Diktate 1941-1945, Band 2: Juli-September 1942, bearb. von Angela Stüber, München 1995.

Goebbels, Joseph: Rede im Berliner Sportpalast, 18. Februar 1943, Text abrufbar auf: www.archive.org, Audio-Aufnahme.

NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit, Bd. 6,2: 1938. Quellentexte Mai bis August, München 1999.

Literatur:

Pfeiffer, Lorenz: „‚Schulfeind‘ Fußball hat gesiegt“. Die Einführung des Fußballs an den Schulen zur Zeit des Nationalsozialismus, in: Herzog, Markwart (Hg.), Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus. Alltag – Medien – Künste – Stars, Stuttgart 2008, S. 51-64.

Teichler, Hans Joachim: „Mit Fußball haben die Nazis immer Pech gehabt“, in: Gerhard Fischer/Ulrich Lindner (Hg.): Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus, Göttingen 1999, S. 42-46.

Teichler, Hans Joachim: Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Schorndorf 1991.

Ueberhorst, Horst: Carl Krümmel und die nationalsozialistische Leibeserziehung, Berlin 1976.

 

Ein Video mit Filmaufnahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 1938 kann auf youtube abgerufen werden.

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