Von einem, der „solche Dinge für unmöglich gehalten“ hat: Hans-Joachim Riecke und der Mord an Felix Fechenbach

Ein wesentlicher Bestandteil des Forschungsprojekts „Beamte nationalsozialistischer Reichsministerien“ ist es, die Karrieren der Bürokraten über ihre Anstellung in den Ministerien hinaus in den Blick zu nehmen. Bei der Frage nach politischen Vorerfahrungen der Beamtenschaft nimmt das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete vermutlich eine gewisse Sonderrolle ein, entstand es doch 1941 erst deutlich später als die anderen im Projekt berücksichtigten Reichsbehörden. Auch wenn man die Fluktuation im Laufe von 12 Jahren nationalsozialistischer Diktatur berücksichtigt, hatten die Staatsdiener des Ostministeriums im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen, die recht bald nach der sogenannten Machtergreifung in die Ämter eintraten, schon mehrere Jahre an anderer Stelle im nationalsozialistischen System gearbeitet, bevor sie unter der Ägide Alfred Rosenbergs für sein Ministerium tätig wurden.

Hans-Joachim Riecke in SS-Uniform
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Einer jener Beamten im Ostministerium, die sich seit 1933 auf anderen Posten zu beweisen hatten, war Hans-Joachim Riecke. 1941 wurde er als Leiter der Chefgruppe Landwirtschaft in das RMfdbO berufen. Der „Alte Kämpfer“ Riecke, Kapp-Putsch-Teilnehmer und Parteimitglied seit 1925, war 1931 landwirtschaftlicher Berater Alfred Meyers, damals Gauleiter von Westfalen-Nord, geworden. Meyer, der 1933 Reichsstatthalter von Schaumburg-Lippe wurde und ab 1941 zum zweiten Mann in Rosenbergs Ostministerium aufstieg, zog Riecke die Karriereleiter mit hinauf, sodass der Landwirtschaftsexperte kurz nach der sogenannten Machtergreifung Staatsminister und damit faktisch Regierungschef des Kleinstaates Schaumburg-Lippe wurde.

Bereits Anfang März 1933 waren in dem Freistaat umfangreiche Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und andere politische Widersacher angelaufen: So hatte man in Detmold Mitglieder der Eisernen Front, des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der SPD in „Schutzhaft“ genommen. Unter ihnen befand sich auch der Journalist Felix Fechenbach, der seit 1929 Schriftleiter des Detmolder SPD-Organs „Volksblatt“ war und sich in den zurückliegenden Jahren einen Ruf als prominenter Sozialist und Pazifist erarbeitet hatte. Seine jüdische Herkunft und die aus seiner Feder stammenden und seit 1932 erscheinenden Glossen des fiktiven SA-Mannes „Nazi-Jüsken“, der Interna der lippischen NSDAP ausplauderte und die Nationalsozialisten und ihre SA damit dem Spott der Leserinnen und Leser preisgab, machten ihn in den Augen der Nationalsozialisten zu einem fast schon prototypischen Feindbild.

Im Juli 1933 wurde der inhaftierte Sozialdemokrat dem neuen Staatsminister Riecke auf eigenen Wunsch vorgeführt, welcher die Gelegenheit nutzte, Fechenbach zu beleidigen und ihm mitzuteilen, dass er ihn vom Detmolder Gerichtsgefängnis nach Dachau in das dortige Konzentrationslager verlegen lassen wolle. Am 7. August sollte Fechenbach mit dem Auto planmäßig nach Warburg gelangen, von wo aus die Weiterbeförderung mit dem Zug angedacht war. Als Begleitpersonal wurden keine regulären Polizisten eingesetzt; stattdessen sollte Fechenbach von SA-Obertruppführer Fritz Grüttemeyer, den SA-Sturmführern Karl Segler und Josef Focke sowie dem SS-Mann Paul Wiese begleitet werden. Einen Tag nach der geplanten Überführung wurde bekannt, dass man Felix Fechenbach, noch vor dem Umstieg in den Zug, in einem Waldstück „auf der Flucht erschossen“ habe. Hans-Joachim Riecke ließ die Staatsanwaltschaft unverzüglich Ermittlungen zu dem Fall aufnehmen, die am 10. September jedoch eingestellt wurden, da es aufgrund des Fluchtversuchs „keinen Zweifel“ am rechtmäßigen Gebrauch der Schusswaffen gebe.

Der Staatsanwaltschaft zufolge hatte der Transport am 7. August wie angeordnet begonnen, allerdings ohne den verantwortlichen Transportleiter Grüttemeyer, der nicht rechtzeitig zur Abfahrt erschienen sei. Während dieser mit dem Taxi nachgefahren sei, hätte der Transport mit Fechenbach einen Umweg machen müssen, da das Fahrzeug einen steilen Anstieg nicht meistern konnte; nur deshalb habe Grüttemeyer die anderen einholen können, um dem Wagen mit Fechenbach zuzusteigen. Kurz darauf habe man an einem kleinen Waldstück auf Wunsch des Journalisten, der austreten musste, angehalten. Der Gefangene habe die Gelegenheit unter Bewachung Grüttemeyers zur Flucht nutzen wollen, woraufhin dieser seine Kollegen Focke und Wiese zur Unterstützung gerufen habe, die nach erfolglosen Warnschüssen schließlich auf den flüchtigen Fechenbach geschossen hätten.

 

Verhaftung Felix Fechenbachs 1933
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Dass es sich – ganz im Gegenteil zur öffentlichen Darstellung – um einen politischen Mord handelte, wurde bereits von manchem Zeitgenossen vermutet: So gab der sozialistische Publizist Walter Victor 1936 in der Schweiz ein „Felix Fechenbach-Buch“ heraus, in dem er Gerüchte und Mutmaßungen sammelte, die die Erschießung des bekannten Journalisten betrafen. Doch offenbar waren es nicht nur politische Gegner im Exil, die Zweifel an den Vorgängen in Schaumburg-Lippe erhoben; sogar im Jahr 1939 kam es deshalb zu einer ebenso kurzen wie erfolglosen Wiederaufnahme der Ermittlungen. Laut Zeugen hatte die Ehefrau des beteiligten SS-Mannes Paul Wiese erzählt, ihr Mann habe Fechenbach im Auftrag Hans-Joachim Rieckes erschossen.

Solchen Hinweisen zum Tod Felix Fechenbachs wurde nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur erneut nachgegangen: Unmittelbar nach Kriegsende nahm man wieder Ermittlungen auf, sodass sich Paul Wiese 1948 als erster der Beteiligten vor Gericht erklären musste. Er verstrickte sich in erhebliche Widersprüche und sah sich mit Zeugen konfrontiert, denen gegenüber er geäußert haben sollte, dass Fechenbach „nicht einen Schritt“ gelaufen sei. Erstmals wurde juristisch festgestellt, dass der sozialdemokratische Journalist keineswegs auf der Flucht erschossen worden war; Wiese verurteilte man wegen Totschlags deshalb zu fünf Jahren Zuchthaus. Dem ehemaligen SA-Mann Karl Segler, der 1952 angeklagt wurde, konnte man keine direkte Beteiligung am Tod von Fechenbach nachweisen; sein Verfahren wurde zügig eingestellt.

Im Jahr 1962 begann die Staatsanwaltschaft Paderborn schließlich mit Ermittlungen gegen Hans-Joachim Riecke. Diesem war es Anfang der 1950er-Jahre gelungen, in die Wirtschaft überzutreten, wo er nun in leitender Funktion als Prokurist im Getreidehandel-Großkonzern „Toepfer International“ angestellt war. Mit der Ermittlung gegen ihn richtete sich das Interesse erstmals auf eine Person, die bei der Tötung Fechenbachs nicht unmittelbar vor Ort gewesen war. Dafür gab es zwei Gründe: Erstens nahm man an, dass SS-Mann Wiese zugleich der Chauffeur Hans-Joachim Rieckes gewesen war, ein Vorwurf, der sich bald als haltlos herausstellte, da er diese Stellung erst nach dem Tod Fechenbachs eingenommen hatte. Zweitens warf man Riecke vor, dass die alleinige Begleitung durch SA- und SS-Hilfspolizisten seiner Zustimmung bedurft haben musste. Im Verfahren gegen Wiese war bereits zu Tage getreten, dass Riecke – vermeintlich aus Sorge um Gesundheit und Leben des Inhaftierten – dem SA- und Polizeiführer Dettmer noch im März verboten hatte, „Fechenbach mit einigen SA-Männern in seiner Zelle [zu] besuchen‘“. Seine angeblichen Bedenken hatten ihn aber wenige Monate später nicht daran gehindert, dem Ansinnen Dettmers nachzukommen und nur Hilfspolizei von SS und SA für den Transport einzusetzen. In Bezug auf das Tötungsdelikt gab er an, „solche Dinge für unmöglich gehalten“ zu haben und der Überzeugung gewesen zu sein, dass der Transport trotzdem auch von regulären Polizeikräften bewacht werden würde.

Felix Fechenbach
| Felix Fechenbach 1921, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Das Verfahren gegen Riecke wurde nach monatelanger Ermittlungsarbeit ohne Erfolg kurz vor Weihnachten 1964 eingestellt. Weder gelang es, zusätzliche Belastungsmomente zu finden noch Riecke der Lüge zu überführen. Dass der Abbruch der Untersuchungen nicht schlüssig war, gab Robert Kempner wenige Jahre später zu bedenken, als er die Wiederaufnahme der Ermittlungen forderte: Wieses Einstellung als Chauffeur des Staatsministers am 26. September 1933 sei keineswegs ein Entlastungsargument; es liege vielmehr nahe, dass es sich hier um die Belohnung für den Mord an Fechenbach handle.

Wenig später gelang es der Staatsanwaltschaft dann, den vermeintlichen Hauptschuldigen Friedrich Grüttemeyer vor Gericht zu stellen, der schließlich wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wurde. Gegenüber dem leitenden Staatsanwalt hatte er zu Protokoll gegeben, sich zu erinnern, dass „Focke davon redete, daß sie den Fechenbach erledigen sollten“; er selbst habe bei dem Mord allerdings nur eine Nebenrolle gespielt. In der abschließenden Urteilsbegründung zeigten sich die Richter auch überzeugt davon, dass die Tötung Fechenbachs planmäßig und im Auftrag von führenden Personen aus Partei beziehungsweise SA durchgeführt worden war. Dass auch Staatsminister Riecke einer der Hintermänner des Mordes an Felix Fechenbach war, konnte die Staatsanwaltschaft trotz intensiver Bemühungen nicht nachweisen. Auch eine Wiederaufnahme seines Verfahrens gelang nicht.

Obwohl die rechtliche Aufarbeitung des Fechenbach-Mords vergleichsweise zufriedenstellend verlaufen war, da zumindest ein Teil der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden war, konnte man die Umstände des Falls nicht restlos erhellen. Für Hans-Joachim Riecke hatte das Verfahren keinerlei Konsequenzen: Ihm war die Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft bis in hohe Positionen der Wirtschaft gelungen, woran die Mordverdächtigungen im Fall Fechenbach ebenso wenig ändern konnten wie seine führende Rolle bei der wirtschaftlichen Ausbeutung der Ostgebiete, von der in einem anderen Blogartikel zu berichten sein wird.

Literatur:

Benz, Wigbert: Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945, Berlin 1945.

Pöppmann, Dirk: Rechtsstaat und Gerechtigkeit. Der Mord an Felix Fechenbach im Spiegel seiner juristischen Aufarbeit vor dem Schwurgericht Paderborn, in: Westfälische Zeitschrift 157 (2007), S. 287-309.

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