Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe und sein Lebenslauf in der Theodore-Abel-Collection – Ein Aufschneider im Propagandaministerium

„400 Mark zu gewinnen“ lautete die Überschrift eines Preisausschreibens, das im Juni 1934 in der nationalsozialistischen Parteipresse lanciert wurde und die „besten persönlichen Lebensgeschichten von Anhängern der Hitlerbewegung“ prämierte. Alle Deutschen, die bereits vor dem 1. Januar 1933 Mitglied in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen gewesen waren oder sich in ihrem Sinne betätigt hatten, durften daran teilnehmen. Initiator des Wettbewerbs war der polnisch-amerikanische Soziologe Theodore Abel, der, um etwaigen Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern zu entgehen, seine wissenschaftliche Datenerhebung als Aufsatzwettbewerb tarnte und auf diese Weise sogar die Unterstützung bei Joseph Goebbels und seinem noch jungen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) fand.

Wohl vor allem mit der Hilfe des Ministeriums – die Einschriften wurden über die Landesstellen des RMVP gesammelt und anschließend weitergeleitet – gingen so bis 1. September 1934 mindestens 683 autobiografische Aufsätze ein. 1938 veröffentlichte Abel schließlich eine Studie mit dem Titel „Why Hitler came into Power“, in deren Vorwort er auf die Unterstützung des deutschen Propagandaapparates hinwies und dem Gaupropagandaleiter von Groß-Berlin, Walther Schulze-Wechsungen, für seine Hilfe dankte.

Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe
| Foto: mit freundlicher Genehmigung: vom Hofe, Alexander: Friedrich Christian und die Hackeschen Höfe, 08.10.2015, in: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe.

Goebbels‘ Männer waren jedoch nicht nur in organisatorischer Hinsicht in den Wettbewerb eingebunden: Unter den Einsendungen, die heute im Archiv der Hoover Institution in Stanford (USA) liegen, befand sich auch ein vierseitiger Lebenslauf von Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe, der zum Zeitpunkt des Abfassens als Goebbels‘ persönlicher Adjutant und Regierungsrat im Propagandaministerium tätig war.

Aufgewachsen „an einem Hofe, der […] den Ruf hatte einer der luxuriösesten Höfe Europas zu sein“, war es die Novemberrevolution, die Prinz zu Schaumburg-Lippe als Ausgangspunkt für seinen weiteren politischen Werdegang nahm: Voller Abneigung berichtet er von der öffentlichen Schule, die er nach der Abdankung seines Bruders besuchen musste, und in die ihn das „rote System“ „geradezu mit einer sadistischen Freude“ gezwungen habe. Als Reaktion auf die Umwälzungen habe er schon während seiner Schulzeit bis 1926 an nationalsozialistischen Veranstaltungen teilgenommen und „organisiert[.] wo immer es nur ging“. In dem Schreiben stilisiert er sich als Parteigänger erster Stunde, der schon seit seiner Jugend aktiv für Hitler und seine Partei eingetreten war und scheinbar alternativlos den Nationalsozialisten die Treue gehalten hatte: „[W]ir sahen einen, der infolge der Genialität seines Denkens und Handelns, jedem, dem Prinzen wie dem Proletarier, in gleicher Weise Vorbild und Führer sein konnte. Das war Adolf Hitler“. Nur folgerichtig erscheint in dieser Erzählung der nächste Schritt Friedrich Christians, der sich der NSDAP „im Jahre 1929 ganz verschrieb“ und in die Partei eintrat, nicht ohne zu erwähnen, dass er bereits mehrere Jahre für sie gearbeitet hatte.

Demgegenüber stehen die bisherigen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft über die Person des Prinzen, die das von ihm gezeichnete Bild doch stark relativieren: Während seines Studiums wandte er sich als Bohème offenbar eher den angenehmen Seiten des Lebens zu, bevor er erst 1928 politisch aktiv wurde. Seine Kontakte gingen – entgegen seiner Eigendarstellung wenige Jahre später – dabei durchaus auch über den Kreis der Nationalsozialisten hinaus: So schlug er die Gründung einer adeligen Interessensvertretung vor und pflegte Kontakte zum Deutschen Herrenklub, einer Vereinigung des rechtskonservativen Großbürgertums. Als Gegner eines geplanten Anschlusses des Freistaats Schaumburg-Lippe an Preußen versuchte er zudem, ranghohe Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei und sogar Reichspräsident Hindenburg für sein Vorhaben zu gewinnen, womit er aber scheiterte.

Desillusioniert von der politischen Schwerfälligkeit rechtskonservativer Kreise und angetrieben von den zunehmenden Wahlerfolgen der NSDAP an Universitäten und bei Landtagswahlen, schloss sich Prinz zu Schaumburg-Lippe dann schließlich den Nationalsozialisten an. Offenkundig wurde mit dem Parteieintritt der Geltungsdrang des jungen Prinzen, der Rudolf Heß darum bat, nicht einer Ortsgruppe angehören zu müssen, sondern direkt der Reichsleitung zu unterstehen. Er selbst sah sich als Werbeträger der NSDAP in adeligen Kreisen und Sprachrohr ins Ausland. Auch hatte er NSDAP-Vertreter für seine Pläne gegen einen Anschluss Schaumburg-Lippes gewinnen wollen. Doch mit all diesen Plänen fand er wenig Widerhall bei den NSDAP-Spitzen, die zu diesem Zeitpunkt noch wenig Interesse an einer öffentlichen Beziehung zum Adel hatten und seine hochtrabenden Pläne sämtlich abschlägig beschieden.

Auszug aus dem Schreiben Prinz zu Schaumburg-Lippes
| aus: Hoover Institution, Library & Archives, Theodore Fred Abel Papers

Unerwähnt ließ Friedrich Christian in seinem Lebenslauf die Tätigkeit für den „Kampfbund für die deutsche Kultur“, einem völkischen und antisemitischen Verein unter Führung Alfred Rosenbergs, für den er spätestens 1929 eine Ortsgruppe in Bad Godesberg ins Leben gerufen hatte. Stattdessen wies er lieber auf die Gründung der ersten nationalsozialistischen Zeitung Westdeutschlands hin, die er „mit heute führenden Männern unserer Partei“ vollzogen habe. In der Tat hatte er sich 1930 mit dem damaligen Gauleiter des Rheinlandes, Robert Ley, zusammengetan und eine Verlagsgesellschaft gegründet. Das gemeinsame Unternehmen, das vor allem aus dem Privatvermögen Friedrich Christians gespeist wurde, gab den „Westdeutschen Beobachter“ heraus, der aber im Wesentlichen der Aufsicht Leys unterstand. Wegen dessen persönlichen Bereicherungswillens und der ökonomischen Inkompetenz des Duos stand das gemeinsame Projekt bereits ein Jahr später vor dem Konkurs und der Prinz verlor einen Großteil seines Kapitals – von diesen Misserfolgen und der folgenden Auseinandersetzung mit Ley ist in den Abel Papers aber ebenso wenig zu lesen wie von der Zurückweisung Hitlers, der nicht gewillt war, Partei für den Prinzen zu ergreifen.

Als Reichsredner, prahlte Prinz zu Schaumburg-Lippe weiter, sei er danach „in vielen Hunderten von Versammlungen überall im Reich“ gewesen, wo er sich „in sehr schweren und auch blutigen Situationen“ durchgesetzt habe. Doch auch hier war ihm offensichtlich kein großer Erfolg beschieden: Häufig lud er sich selbst zu den Veranstaltungen ein, bisweilen wurde ihm die Teilnahme sogar versagt. Tatsächlich scheint es dabei auch zu „blutigen Situationen“ gekommen zu sein, sodass die nationalsozialistische Presse im Januar 1932 von einem Pistolenschuss auf den Prinzen berichtete. Unerwähnt bleibt in der Erfolgsgeschichte Friedrich Christians auch die wirtschaftlich angespannte Situation, in die ihn die gemeinsamen Unternehmungen mit Ley gebrachten hatten: So verdiente er seinen Lebensunterhalt mittlerweile als Vertreter und durch den Verkauf von selbstgemalten Gemälden, bevor er schließlich in der Stadtverwaltung von Bad Godesberg unterkam.

Angesichts der anhaltenden Misserfolge erscheint der weitere Karriereverlauf Prinz zu Schaumburg-Lippes nach 1933 selbst für einen Nationalsozialisten überraschend: Weshalb Joseph Goebbels ihn kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in sein Ministerium aufnahm, ist unklar. Im Gegensatz zu vielen ehemaligen Mitstreitern im „Kampfbund für die deutsche Kultur“ hatte der Prinz auch nach der Machtergreifung keinen Posten bekommen und sich deshalb hilfesuchend an den Rosenberg-Rivalen an der Spitze des Propagandaministeriums gewandt. Möglicherweise versprach sich Goebbels von der Einstellung des Adelssprosses einflussreiche Kontakte und wertvolle Hinweise über parteiinterne Konkurrenten. Doch auch er war mit der Arbeit seines Untergebenen bald unzufrieden: So mehrten sich seit 1934 die negativen Äußerungen über seinen Adjutanten in den Tagebüchern Goebbels‘, der ihn deshalb innerhalb des Ministeriums des Öfteren versetzte. Über das Auslandsamt des RMVP, in dem er 1936 zum Oberregierungsrat befördert wurde, und den Posten des Protokollchefs, kam der Prinz 1939 schließlich abermals als Adjutant in das Ministerbüro von Goebbels, wo er 1941 sogar noch zum Ministerialrat aufstieg. 1943 wurde er zu Schaumburg-Lippe zur Wehrmacht eingezogen, wo er einem Verwundetenorchester zugeteilt wurde. 1945 abermals kurz im Rundfunkwesen aktiv, kam der Prinz bis 1948 in Internierungshaft, bevor ihn die Hauptspruchkammer München schließlich als „Mitläufer“ einstufte.

Friedrich Christian (Mitte) mit seinen Brüdern Wolrad und Heinrich und seine Frau Alexandra
| Foto: mit freundlicher Genehmigung: vom Hofe, Alexander: Abbildungen II, 08.10.2015, in: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe.

Weshalb er 1934 an dem Aufsatzwettbewerb Theodore Abels teilgenommen hatte, muss im Verborgenen bleiben; es liegt jedoch nahe, dies seinem ausgeprägten Geltungsdrang zuzuschreiben, war der Prinz doch stets bemüht, sich als erfolgreichen und „Alten Kämpfer“ für die nationalsozialistische Bewegung zu inszenieren. Die Überprüfung seiner Angaben verdeutlicht die Schwierigkeiten, die HistorikerInnen beim Umgang mit autobiografischen Dokumenten als Quellen erwachsen; sie zeigt aber auch, dass selbst vermeintliche Inkompetenz einer Karriere als Ministerialbeamter im Nationalsozialismus nicht im Wege zu stehen schien, wenn man bereits vor 1933 über das Parteibuch verfügt hatte.

Auch nach dem Krieg schrieb Prinz zu Schaumburg-Lippe seine vermeintliche Erfolgsgeschichte in rechtsextremen Verlagen fort. Er versuchte sogar nach 1945 den Anschein zu erwecken, als habe er sich im innersten Machtzirkel des „Dritten Reiches“ aufgehalten, sodass selbst die Ankläger bei den Nürnberger Prozessen zu dem Urteil kamen, dass der Zeuge Prinz zu Schaumburg-Lippe wirklich einzigartig sei: Er behaupte, in der Zeit des Nationalsozialismus mehr gewesen zu sein, als er tatsächlich war.

 

Quelle:

Theodore Fred Abel Papers, Nr. 260: F.C. Prinz v. Schaumburg-Lippe, online unter: Hoover Institution, Library & Archives, Theodore Fred Abel Papers [pdf].

Literatur:

Abel, Theodore: Why Hitler came into Power, Cambridge/London 1986.

Riechmann, Thomas: Vom Herrenreiter zum Adjutanten von Goebbels. Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe – Karriere im Propagandaministerium, in: Werner/Frank (Hrsg.): Schaumburger Nationalsozialisten. Täter, Komplizen, Profiteure (= Kulturlandschaft Schaumburg, Bd. 17), Bielefeld 22010, S. 444-478.

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